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Retrofit: Digitale Nachrüstung für die Industrie 4.0

IoT-Plattform und zentrale Digital-Plattform stehen bei vielen Unternehmen immer stärker im direkten Zusammenhang. Ausgehend von der initialen Idee eine IoT-Plattform für Produkte aufbauen zu wollen wird daraus schnell eine umfassende Digital-Plattform, die nicht nur IoT-Lösungen fokussiert, sondern über diverse Anwendungen hinweg eine nahtlose User-Experience rund um Produkt und Dienstleistungen bieten soll. Mit Blick auf die dadurch adressierten Bestandssysteme, Prozesse, Datenquellen und gänzlich neuen Mehrwerte entsteht ein hochkomplexes „Produkt“, dessen sich mindestens eine verantwortliche Person inhaltlich annehmen muss. Die Relevanz dieser Person(en) wird jedoch zu häufig unterschätzt.

Ein Artikel von Phil Hermanski

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Retrofitlösungen für den Maschinenbau und die Industrie 4.0

Der Appetit kommt beim Essen.
Oder: Ist eine Plattform kein „Produkt“?!

Häufig entsteht der Gedanke eine umfassende, kundenzentrierte Unternehmensplattform aufzubauen aus dem ursprünglichen Plan eine IoT-Plattform zu entwickeln, frei nach dem Sprichwort „der Appetit kommt beim Essen“. Das ist insofern naheliegend, da IoT-Plattformen, z. B. zur Visualisierung und Analyse von Maschinendaten erst dann ihre gesamte Kraft entfalten, wenn auch weitere Systeme angebunden werden, um die reinen Maschinendaten anzureichern oder mit anderen Systemdaten zu verknüpfen. Als Beispiel lässt sich das berühmte Thema Instandhaltung und Condition Monitoring anführen:

  • Lediglich die Visualisierung und Auswertung von Maschinen- und Komponentendaten entfalten nicht den Mehrwert, den man sich erhofft, sondern erst die übergreifende Verknüpfung dieser Daten mit Service- und Aftersalessystemen
  • Dieser Verknüpfungsgedanke lässt sich dann leicht weiterentwickeln, z. B. in Richtung Vertrieb, aber auch in den Bereich Qualitätsdaten, Einblicke in das Nutzerverhalten und somit technische Auslegung etc.

Die daraus entstehenden umfassenden Enterprise-Plattformen im Sinne eines zentralen „Eintrittspunktes“ mit Dashboards, Visualisierungen, Analysemöglichkeiten und nahtlose Absprungmöglichkeiten in weitere Unternehmenssysteme sind hochgradig umfassende, stark vernetzte Systeme.

Wer hat denn hier inhaltlich den Hut auf?

Nicht selten sind anbieterseitig Marketing, Vertrieb, Kundenservice, Instandhaltung, Qualitätsmanagement, Produktentwicklung und IT/OT involviert während Kundenseitig ebenfalls all diese Abteilungen durch die Plattform adressiert sein können. Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten Systeme anzubieten, Dashboards zu gestalten, Stakeholder und Nutzer sukzessive einzubinden und durch Verknüpfungsmöglichkeiten neue Features zu generieren erfordert ein solches System außerdem eine klare Vision und (initiale) Vorgehensweise. Außerdem spielt der Geschäftsmodellaspekt eine große Rolle für die entsprechenden Funktionalitäten und möglichen Abrechnungsmodelle. Denn das Geschäftsmodell sollte sowohl zum eigenen Unternehmen und seinen Fähigkeiten und Prozessen passen als auch dem Kunden einen Mehrwert erzeugen.

Die sehr große Breite der oben angerissenen Themen zeigt, dass ein solches Vorhaben einen „echten“ Produktverantwortlichen benötigt und nicht „nur“ einen Projektverantwortlichen, dessen Ziele „Time and Budget“ sind. Denn aufgrund dieser großen Anzahl inhaltlicher und fachlicher Aspekte muss ein Produktverantwortlicher, z. B. in Person eines Product Owners, andere Tätigkeiten übernehmen und Ziele verfolgen als ein klassischer Projektmanager: Er oder Sie muss ein Produkt und seine Mehrwerte vor Augen haben sowie die Nutzer, Kunden und Stakeholder, die damit adressiert werden sollen.

Mögliche Spielarten und Stolperfallen

Nichtsdestotrotz kann es sinnvoll sein, beide Rollen zu besetzen, die Hand in Hand arbeiten, wobei der Projektmanager dem Product Owner weiterhin das interne Stakeholdermanagement rund um Themen wie „Time & Budget“ abnimmt oder ihn zumindest bei organisatorischen und administrativen Tätigkeiten unterstützt. Viele Kunden haben die Herausforderung, dass sie jedoch gar keinen Produktverantwortlichen haben. Diese Problematik hat seinen Ursprung häufig in der bestehenden Organisationsstruktur der Unternehmen, da z. B. auch kein klassisches Produktmanagement vorhanden ist.

Die genaue Berufsbezeichnung spielt jedoch keine primäre Rolle. Auch ein Projektleiter mit einem ausgeprägten Empfinden für Mehrwerte und Gestaltungssinn kann der Produktverantwortliche sein, sofern nicht zwei Personen/Rollen benannt werden sollen. Im Alltag kann sich dies jedoch als Herausforderung darstellen, da es wichtig ist, dass der Verantwortliche nicht nur auf „Time and Budget“ achtet, sondern auch darauf, dass Dinge entwickelt werden, die „sinnvoll“ sind. Ein Projektleiter kann sich daher schnell in einem Zwiespalt befinden. „Sinnvoll“ bezieht sich dabei auf das „Was“ und das „wie“, sowohl mit der internen als auch der externen Brille.

Eigenschaften eines/einer Produktverantwortlichen

Der oder die Verantwortliche für so etwas umfassendes wie eine IoT- oder Enterprise Plattform sollte daher jemand sein, der sowohl das Unternehmen und die Prozesse kennt, sich in Kundenprozesse und Nutzer hineinversetzen kann, als auch das technische „Wie“ einigermaßen versteht und die Produktstrategie aktiv mitgestaltet.

Dies sind alles Charakterzüge eines klassischen „Product Owners“ aus dem Scrum Framework. Die Bezeichnung ist aber, wie bereits erwähnt, nicht zwingend notwendig, sofern kein Scrum angewendet werden soll. Da sich der Begriff heutzutage jedoch immer stärker verbreitet kann er auch trotz Scrum verwendet werden, besonders um keine Missverständnisse bzgl. seiner Rolle aufkommen zu lassen.


Je größer eine Lösung wird desto mehr Gedanken sollte man sich über die Anzahl produktverantwortlicher Personen machen, da es sinnvoll sein kann, unterschiedliche Unterprodukte- oder Entwicklungsstränge aufgrund ihrer Komplexität und Umfänge aufzuteilen.


Sofern ein Unternehmen keine eigene zusätzliche Stelle schaffen oder eine eigene Digitaleinheit gründen will oder kann ist die Analyse der richtigen bestehenden Mitarbeiter für solche Rollen sehr wichtig. Klassischerweise können Produktmanager, Innovationsmanager, ggf. technisch affine Vertriebler oder vertrieblich engagierte Techniker in Frage kommen. Die wichtigen Eigenschaften bei der Findung entsprechender Rollen sind weitaus wichtiger als die bisherige Position und können Folgende sein:


Der/Die Mitarbeiter:in sollte

  • das Bestreben besitzen einen Mehrwert für Kunden und Nutzer generieren zu wollen und einen ausgeprägten Gestaltungssinn mitbringen
  • die Fähigkeit interdisziplinärer Kommunikation besitzen, sofern intern als auch kundenseitig
  • ein technisches Grundverständnis mitbringen sowie die Fähigkeit strategisch und visionär zu denken


Organisationsseitig sollten folgende Punkte beachtet werden:

  • Die Incentivierung darf nicht ausschließlich auf Verkaufsstückzahlen, Anzahl Patentanmeldungen, Anzahl eingeführter Innovationen etc. ausgelegt sein (wie es z.B. bei den o. g. klassischen Rollen stattfindet)
  • Der oder die Verantwortliche sollte den Mut haben direkt auf interne Stakeholder unterschiedlicher Hierarchielevel und Fachbereich zuzugehen
  • Die Rolle muss offiziell mit entsprechenden Kapazitäten und Freiheiten ausgestattet werden!


Langfristig wichtig und zu beachten ist außerdem, dass ein Product Owner, ähnlich einem Product Manager, das Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus betreut, sprich Entwicklungs-/Innovations- und ständige Weiterentwicklung liegen in seiner Verantwortung. Besonders die ständige Weiterentwicklung einer Softwarelösung ist ein Aspekt, der bei der Rollenbesetzung und entsprechenden Kapazitätsplanung nicht zu unterschätzen ist.

Bei großer Bandbreite der To Do’s: Program Manager einsetzen

Sofern die zu bearbeitenden To Do’s thematisch stark in die Breite gehen, z. B. Klärung technischer Aspekte, interne Kommunikation und Marketing, etc., sollte ein Program Manager eingesetzt werden. Diese Rolle hat im Gegensatz zum Product Owner weniger das konkrete Produkt und seinen Mehrwert im Blick, sondern zielt eher auf die diversen interdisziplinären Unterprojekte ab, die das Projekt besonders zu Beginn der Entwicklung aufweist. Er oder sie steht im engen Kontakt mit dem Product Owner und ggf. (Unter-)Projektleitern. Wie bereits erwähnt kann es je nach Größe und Umfang in der Entwicklungs- und Weiterentwicklungsphase ebenfalls sinnvoll sein mehrere Product Owner für diverse „Unterprodukte“ einzusetzen, wie z. B. in den Framworks SAFe oder LeSS beschrieben wird.

Also was tun?

Unsere tägliche Erfahrung im Bereich der IoT- und Unternehmensplattformentwicklung zeigt uns, dass ein Produktverantwortlicher neben Projekt- und Programmmanagern einen großen Erfolgsaspekt darstellt. Er hält die Fäden im Sinne des Mehrwertes für Nutzer, Kunden und internen Stakeholder zusammen und gestaltet auch bei technischen und strategischen Aspekten aktiv mit. Sofern sie noch keine solche Rolle bei sich intern gefunden haben oder beim Aufbau einer solchen Rolle Unterstützung benötigen kommen Sie gerne direkt auf uns zu!

Dieses Thema interessiert Sie? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf.

Phil Hermanski ist IoT Consultant bei der com2m

Phil Hermanski ist Consultant bei der com2m.

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